Heiligenverehrung aus biblischer Sicht: Heilige soll man nicht anbeten und verehren?!? Wirklich? Was sagt die Bibel dazu?

Heiligenverehrung aus biblischer Sicht: Ist die Anrufung und Verehrung von Heiligen und der Gottesmutter Maria biblisch?


Heiligenverehrung aus biblischer Sicht:
Ist die Anrufung und Verehrung von Heiligen
biblisch? Darf man Heilige bitten,
für einen zu beten oder soll
man "nur" zu Gott beten?
Die katholische Anrufung der Heiligen - und hier besonders der Gottesmutter - gehört zu jenen Unterscheidungsmerkmalen gegenüber protestantischen Konfessionen, die sogleich ins Auge fallen und die auch dem „einfachen“ Kirchenvolk geläufig sind. Bereits der Blick in ein katholisches Gotteshaus bezeugt in der Regel das glaubensfrohe Bewußtsein von der „triumphierenden Kirche“, von ihrer Gemeinschaft mit der „streitenden Kirche“ – und von der Fürbitte der Heiligen zugunsten der „Erdenkinder“.








Heilige sind nicht "nur" Vorbilder – davon sind Katholiken überzeugt


Katholiken sind davon überzeugt, daß Heilige uns nicht „nur“ als Vorbilder voranleuchten und so im Glauben ermutigen, sondern zugleich als Fürsprecher vor dem Throne Gottes für die Sorgen und Anliegen der Gläubigen eintreten. Daran erinnert auch das jährliche Hochfest „Allerheiligen“ am 1. November.


Die evangelische Christenheit kennt weder dieses Fest noch die Überzeugung von einer fürbittenden Wirksamkeit der Heiligen in der Ewigkeit. Die Vorbildfunktion der Heiligen und die dadurch vermittelte Glaubensstärkung wird freilich keineswegs bestritten.

Daß der Protestantismus die Fürsprache der Seligen verneint, hängt wohl nicht zuletzt damit zusammen, daß dort andere Vorstellungen vom Jenseits vorherrschen als in der katholischen Kirche, in der Orthodoxie und im Judentum. So sind z.B. bei Katholiken, Orthodoxen und Juden Gebete für Verstorbene selbstverständlich, zumal für Eltern und Angehörige. Auch dies wird evangelischerseits abgelehnt.

Während Luther, Calvin und Zwingli ausgingen, daß der Mensch nach seinem Tod in eine Art passiven „Seelenschlaf“ fällt und erst bei der Auferstehung der Toten wieder voll-geistig präsent ist, geht der moderne Protestantismus noch einen Schritt weiter und lehrt oft die sog. „Ganztod-Theorie“: demnach stirbt der Mensch voll und ganz mit Leib, Seele und Geist – und wird erst am Jüngsten Tag durch eine komplette Neuschaffung Gottes wieder „lebendig“.

Ob „Seelenschlaf“ oder „Ganztod“ - in beiden Fällen ist mit einer aktiven geistigen Wirksamkeit der Seligen im Himmel vor dem Jüngsten Tag nicht zu rechnen. Infolgedessen können Heilige zwar als Vorbilder fungieren, kommen jedoch als Fürsprecher im Reiche des Ewigen nicht infrage.

Luther selbst war davon überzeugt: "Maria betet für die Kirche!"


Luther machte freilich bei der Gottesmutter eine Ausnahme und vertrat die Überzeugung: „Maria betet für die Kirche.“ – Dies hängt damit zusammen, daß er den bereits damals weitverbreiteten Glauben an die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel durchaus teilte.

Von protestantischer Seite wird der grundlegende Einwand vorgebracht, daß der Heiligenkult keineswegs biblisch begründet und daher abzulehnen sei. Die katholische Kirche wolle hier lediglich einem menschlichen Bedürfnis nachkommen und nehme dabei in Kauf, daß die Ehre und Souveränität Gottes sowie die einzigartige göttliche Mittlerschaft Christi verdunkelt werde.

Heiligenverehrung verschmälert nicht, sondern verherrlicht Gottes Gnadenwirken


Die katholische Kirche erinnert hingegen daran, daß gerade in den Heiligen die Gnade Gottes besonders wirksam war, daß die Heiligenverehrung daher die göttliche Gnade keineswegs schmälert, sondern im Gegenteil ihre Wirksamkeit in den vollendeten Gerechten bezeugt, daß also die Heiligen als erlöste Geschöpfe ihren Schöpfer und Erlöser verherrlichen.

Zudem bekennen Katholiken sich zur „Gemeinschaft der Heiligen“, wie dies auch das Credo aus apostolischer Zeit erwähnt. Die vollendeten Gerechten im Himmel sind ebenfalls – und erst recht - Glieder des „mystischen Leibes Christi“, zu dem wir alle gehören dürfen, wie Paulus immer wieder betont: „So sind wir - die vielen - ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören.“ (Röm 12, 5) - „Denn wir sind als Glieder miteinander verbunden“ (Eph 4,25).

Die Heiligen können die Zugehörigkeit zum Leib Christi nicht mehr verlieren


Warum sollte diese Teilhabe am „Leib Christi“ durch den Tod enden? – Vielmehr ist es so, daß gerade die Heiligen ihre Zugehörigkeit zum „mystischen Leib“ nie mehr verlieren können, die Christgläubigen auf Erden aber durchaus, zumal sie zwar Heilszuversicht haben dürfen, aber keine absolute Heilsgewißheit besitzen.

Die Basis der „streitenden Kirche“ auf Erden sind die Apostel und Propheten, wie Paulus erläutert: „Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut. Der Schlußstein ist Jesus Christus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammen-gehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut.“ (Eph 2,20-22)

Die Erzväter und Propheten, die Gerechten des Alten Bundes, die Apostel, Evangelisten und alle weiteren Heiligen schlummern keineswegs in einem passiven „Seelenschlaf“, sondern sind voller Geist, Leben und Seligkeit in der himmlischen Gegenwart Gottes, wie auch das NT bezeugt, wenn es Gott sprechen läßt: „Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“ – und hinzufügt: „Er ist doch nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden.“ (Mt 22, 32)

Die Bibel (Heilige Schrift) selbst fordert zum Fürbittgebet auf


Die Heilige Schrift fordert die Gläubigen mehrfach zum fürbittenden Gebet auf: „Brüder, betet auch für uns!“ (1 Thess 5,25) - „Viel vermag das inständige Gebet eines Gerechten.“ (Jak 5,16). - „Das gläubige Gebet wird den Kranken retten - und der Herr wird ihn aufrichten. Wenn er Sünden begangen hat, werden sie ihm vergeben…Betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“ (Jak 5, 15-16).

Die Gläubigen sind also keine Inselbewohner, sondern bilden eine solidarische Gemeinschaft, die füreinander einsteht. Daher schreibt Paulus, daß kein Christ zu einem anderen sagen kann: „Ich brauche dich nicht“ (1 Kor 12,21). Auch der Völkerapostel selbst bedarf der Fürbitte und ist sich dessen bewußt, denn er bittet die Gläubigen wiederholt um ihr Gebet für ihn (etwa in Röm 15,30).

Wäre es nicht verwegen, davon auszugehen, daß diese sorgende und liebende Fürsprache ausgerechnet von den Heiligen im Reiche Gottes verweigert wird, zumal sie ebenfalls zum „mystischen Leib Christi“ gehören, sogar in vorzüglicher Weise.

Der Hebräerbrief spricht von "Geistern der vollendeten Gerechten" (von Heiligen also)


Erinnert uns doch obendrein der Hebräerbrief an die Vorbilder des Alten Bundes, an die „Geister der vollendeten Gerechten“ (Hebr 12,22) und vor allem an die „große Wolke von Zeugen, die uns umgibt“ (Hebr 12,1) – und er ermutigt uns durch ihr Vorbild zu einem untadeligen Lebenswandel: „So wollen auch wir alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Laßt uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist.“ (Hebr 12,9)

Christus selbst erklärte, daß die Gläubigen mutmachende Vorbilder sein sollen und daß eben dies zur Verherrlichung Gottes beiträgt: „So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Mt 5,16)

Hinsichtlich der Heiligenverehrung erinnert die Kirche überdies an das Magnificat der Gottesmutter aus dem Lukas-Evangelium; enthält dieser Lobgesang doch die Ankündigung: „Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.“ (Lk 1,48)

Diese eindrucksvollen biblischen Belege genügen evangelischen Theologen gleichwohl kaum als Begründung, weil in ihnen nicht ausdrücklich von einer Fürsprache der Heiligen die Rede ist, sondern zunächst allein von der Tatsache, daß Heilige überhaupt existieren, wobei immerhin die Seligpreisung der Gottesmutter biblisch angekündigt wurde und sich auch erfüllte, wie das Marienlob der Jahrtausende beweist.

Was ist zu diesem protestantischen Einwand angeblich fehlender biblischer Belege aus katholischer Sicht zu sagen?


Tatsächlich gibt es keine neutestamentliche Stelle, die man direkt als Beleg für die fürbittende Kraft der Heiligen vorbringen könnte.

Das spielt freilich keine Rolle, wenn entsprechende Aussagen im Alten Testament zu finden sind – und eben dies ist eindeutig der Fall.

Auch die heiligen Schriften des „Alten Bundes“ sind für gläubige Christen verbindlich und als Offenbarung Gottes anzusehen.

Dabei ist auch eine fürbittende Wirksamkeit der Engel durchaus von Bedeutung: mögen sie auch keine menschlichen Wesen sein, so sind sie – wie die Menschen – Geschöpfe des Ewigen. Ob Engel oder Heilige, ob Boten Gottes oder vollendete Gerechte: beide sind selig und schauen das Angesicht des Ewigen.

Im Buch Daniel heißt es vomErzengel Michael, dem Schutzpatron der Israeliten, daß er bei Gott für das Volk Israel „eintritt“ (Dan 12,1): wie anders als durch Fürsprache sollte er dies tun? - Ähnliche Engel-Fürbitten finden wir in Hiob 32,23 und Sach 1,12-13, aber auch im NT: Offb 5,8 und Offb 8,3-4.

Das 2. Makkabäer-Buch berichtet ebenfalls von Heiligen und deren Fürsprache



Von Heiligen (vollendeten Gerechten) und ihrer Fürsprache für das Gottesvolk auf Erden berichtet ausführlich das 2. Makkabäer-Buch, das wie andere auf Griechisch verfasste Schriften freilich von den Protestanten, im Gegensatz zur kirchlichen Überlieferung, nicht zur Heiligen Schrift gezählt wird.

Die Makk.-Bücher sind auch im Judentum von Bedeutung: Bei den Israeliten führte z.B. der Makkabäer-Bericht über die Befreiung des Tempels zur Einführung der Chanukkafeier, dem jährlichen Lichterfest im Dezember zur Erinnerung an die Einweihung des – vorher durch Heiden geschändeten - Tempels in Jerusalem. Die Glaubenshelden der Makkabäer hatten die Befreiung des Tempels - zugleich wichtiges Symbol und Hoheitsstätte des wahren Gottesglaubens – durch große Opfer erkämpft.

Die folgenden Abschnitte berichten uns, wie der heldenhafte Heerführer Judas Makkabäus und seine Mannen durch eine Traumvision ermutigt wurden und neuen Glaubensmut erhielten.

Dabei erschien dem glaubensstarken Judas Makkabäus auch ein einstmals vorbildlicher Hohepriester und sogar der verstorbene Prophet Jeremias, von dem es heißt, daß dieser Prophet Gottes „viel für das Volk und die heilige Stadt betet“.

Die heroischen Kämpfer für den wahren Gottesglauben wurden durch diese geistliche Erfahrung ihres Anführers mit neuer Zuversicht und Glaubenskraft erfüllt.

Hier folgt nun der eindrucksvolle Bericht aus 2 Makk 15,6 ff.:

„Judas Makkabäus hörte nicht auf, sein Vertrauen und all seine Hoffnung auf die Hilfe des HERRN zu setzen Er ermahnte seine Männer, sich vor den anrückenden Heiden nicht zu fürchten; sie sollten daran denken, wie der Himmel ihnen in der Vergangenheit geholfen habe; auch jetzt dürften sie vom Allmächtigen den Sieg erwarten. Mit Worten aus dem Gesetz und aus den Propheten flößte er ihnen Mut ein, erinnerte sie auch an die Kämpfe, die sie schon bestanden hatten, und stärkte so ihren Kampfesmut. Nachdem er ihre Begeisterung geweckt hatte, spornte er sie weiter an, indem er sie daran erinnerte, wie die Heiden die Verträge nicht gehalten und ihre Schwüre gebrochen hatten.

So wappnete er jeden von ihnen – nicht jedoch mit der Sicherheit, die Schild und Lanze verleihen, sondern mit jenem Mut, der durch die rechten Worte entfacht wird. Auch erzählte er ihnen einen überaus glaubwürdigen Traum, der alle sehr erfreute:

Er hatte folgendes gesehen: Ihm war der frühere Hohenpriester Onias erschienen, ein edler und gerechter Mann, bescheiden im Umgang, von gütigem Wesen und besonnen im Reden, von Kindheit an in allem aufs Gute bedacht; dieser Hohenpriester breitete seine Hände aus und betete für das ganze jüdische Volk.

In gleicher Haltung erschien sodann ein Mann mit grauem Haar, von herrlicher Gestalt; der Glanz einer wunderbaren, überwältigenden Hoheit ging von ihm aus. Onias begann zu reden und sprach: Das ist der Freund seiner Brüder, der viel für das Volk und die heilige Stadt betet: Jeremia, der Prophet Gottes.
Dann streckte Jeremia die rechte Hand aus und übergab ihm ein goldenes Schwert; dabei sprach er zu Judas Makkabäus: „Nimm das heilige Schwert, das Gott dir schenkt. Mit ihm wirst du die Feinde schlagen.“

Die Worte ihres Anführers gaben den Männern Zuversicht; denn sie waren sehr edel und besaßen die Kraft, zur Tapferkeit anzuspornen und die Jugend mit männlichem Mut zu erfüllen. Man beschloß, kein Lager zu beziehen, sondern kühn anzugreifen und mit allem Mut im Kampfe Mann gegen Mann die Entscheidung herbeizuführen; denn die Stadt, die Religion und das Heiligtum seien in Gefahr; sie fürchteten weniger um Frauen und Kinder, um Brüder und Verwandte als um die Heiligkeit des Tempels.“

Soweit der Bericht aus dem Alten Testament. Diese eindrucksvollen Gottesmänner aus der Zeit der Glaubenskämpfe werden auch im Neuen Testament gewürdigt, vor allem im Hebräerbrief 11,34-39:

„Sie sind Helden im Kampfe geworden und haben die feindlichen Heere zum Weichen gebracht. Frauen haben ihre Toten durch Auferstehung wiedererhalten. Andere ließen sich auf der Marterbank zu Tode schlagen und wiesen die ihnen angebotene Lebensrettung zurück, um eine bessere Auferstehung zu erlangen. Wieder andere wurden verhöhnt und gegeißelt, in Ketten und Kerker geworfen; sie wurden gesteinigt, verbrannt, zersägt und mit dem Schwerte erwürgt; sie gingen umher in Schafpelzen und Ziegenfellen unter Entbehrung, Trübsal und Ungemach.

Die ganze Welt konnte ihnen keine würdige Wohnstatt bieten – und doch mußten sie in Wüsteneien und Gebirgen, in Höhlen und Erdklüften heimatlos umherirren; sie alle haben durch ihren Glauben Lob erlangt, aber die Erfüllung der Verheißung haben sie nicht erlebt.“

Diese Helden des Alten Bundes haben also „durch ihren Glauben Lob erlangt“ – das Lob des Ewigen selbst; sie traten für Gottes Wahrheit ein und gaben ihr Leben hin, ohne die Erfüllung der göttlichen Verheißungen selbst erleben zu können. Gerechte wie der Hohenpriester Onias und der große Prophet Jeremias halten vor Gott Fürsprache für die Gläubigen auf Erden - dies bezeugt uns die Heilige Schrift.

Infolgedessen liegt es auf der Hand, daß die Heiligen – also die vollendeten Gerechten des alten und neuen Gottesvolkes - uns auch heute als Fürsprecher vor Gottes Thron wirksam beistehen. Dies gilt umso mehr, als der Neue Bund die Vollendung des Alten Bundes ist, ihn also an Gnade und Herrlichkeit bei weitem übertrifft - das gilt auch für die Glorie der Heiligen.

Autor: Felizitas Küble, Leiterin des Christoferuswerks in Münster

Erstveröffentlichung in „Theologisches“ (Nr.1/2011)